Predigt am 5.März in Linz – Martin Luther Kirche

Die Liebe höret nimmer auf! Die Liebe wird niemals weniger!

1.Kor.13,8

 

Liebe Gemeinde!

 

Heute kann die Predigt kurz sein. Das Thema, das mir gestellt wurde, ist bekannt. „Es reicht für alle!“. Das ist keine Aufforderung, keine Frage, sondern eine Zustandsbeschreibung. Wir wissen, es gibt genug Geld und genug Nahrungsmittel auf dieser Welt, sie sind ungleich verteilt, die einen hungern, die andern leben in Saus und Braus. Daran gibt es nichts zu rütteln, bei der Zustandsbeschreibung brauchen wir uns nicht aufzuhalten. Nur von der Liebe, der Solidarität und der Gerechtigkeit scheint es zu wenig zu geben. Dabei wäre die Liebe der Schlüssel zur Lösung.

Damit ist alles gesagt. „Liebet einander, dann reicht es auch für alle. AMEN…“.

 

Emil und Otto

 

Doch mit der Liebe ist es so eine Sache. Erinnern sie sich an „Emil und die Detektive!“, das großartige Kinderbuch, nicht nur für Kinder, von Erich Kästner. Da kommt ein Gespräch über die Liebe vor. Ein Gespräch unter Männern, versteht sich. Emil und sein dickster Freund, der mit der Hupe führen ein Gespräch über die Liebe. Otto mit der Hupe erzählt von seinem begüterten Elternhaus, in dem alle immerzu beschäftigt sind und in dem keine Zeit für Gemeinsames bleibt.

Worauf Emil die einfache Frage stellt: „Ja, habt ihr euch denn nicht lieb?“ Darauf antwortet sein Freund: „Doch, doch, wir haben uns schon lieb. Wir machen nur so wenig Gebrauch davon.“

Wir haben uns schon lieb, aber wir machen so wenig Gebrauch davon!

Emil und Otto wissen um den Schatz der Liebe, sie wissen beide darum und sie haben beide davon genug geschenkt bekommen. Sie unterscheiden sich einzig im Gebrauch der Liebe.

 

Liebe die knappe Ressoruce?

 

Einen Schatz zu besitzen ist nicht leicht. Denn er verführt dazu in bewahren zu wollen. Das wissen wir aus den Märchen, am sichersten sind Schätze, wenn sie vergraben werden, auch auf die Gefahr hin, dass sie unter der Erde vermodern. Ein Schatz klingt nach einer knappen Ressource.

Das klingt nach Märchen, wird aber in der durchaus von namhaften Wirtschaftswissenschaftern gestützt, die etwa davon sprechen „ die knappe Ressource Liebe – das kostbarste Gut der Welt – sparsam zu verwenden.“ (Robertson, nach Sandel S.159), oder es so ausdrücken:

„Wir alle verfügen nur über ein gewisses Maß an Altruismus. Ökonomen wie ich halten Altruismus für ein wertvolles und knappes Gut, das geschont werden muss. Es ist bei Weitem besser, es durch ein System zu schonen, in dem die Wünsche der Menschen von selbstsüchtigen Individuen befriedigt werden, während wird diesen Altruismus für unsere Familien, unsere Freunde und die vielen sozialen Probleme der Welt aufsparen, die die Märkte nicht lösen können.“ (Summers, nach Sandel S.161).

Die Liebe wird durch Übung mehr

 

Emil und Otto sind keine Ökonomen, aber sie wissen, was uns allen die Alltagserfahrung lehrt, dass die Liebe gebraucht werden will. Es gibt nämlich Ressourcen, die werden durch ihren Gebrauch mehr und nicht weniger. Es wäre doch eine seltsame Vorstellung, wenn ein jung verliebtes Paar, ihre Liebe in den Keller räumen wollte, um sie zu bewahren und zu beschützen. Vielleicht im Alltag lieblos miteinander umgingen, um die Liebe in schwierigen Zeiten unverbraucht wieder hervorholen zu können. Liebe, Solidarität, Nächstenliebe, Freundschaft und Altruismus, sie wollen gebraucht werden und je mehr sie gebraucht werden, desto intensiver und stärker werden sie. Das wusste auch schon Aristoteles, der meinte das die Tugenden, die auch das Gemein- und Staatswesen ausmachen, dadurch gestärkt werden, dass sie geübt werden: „So werden wir auch gerecht, indem wir gerecht handeln, und tapfer, indem wir tapfer handeln.“

Die Liebe hört niemals auf, die Liebe wird niemals weniger! Das wissen Aristoteles, Emil und Otto und Paulus und die Korinther und wir sollten uns das auch öfter einmal vorsagen, dass wir es nicht vergessen.

 

Nachbarschaftsgespräche

 

Ich lade sie ein, wenden sie sich ihrem Nachbar zu, schauen sie ihre Nachbarin an, und sprechen sie mir nach:

 

„Eines sage ich Dir, liebe Nachbarin: „Die Liebe wird niemals weniger!“,

 dann drehen sie sich ihrem anderen Nachbar zu, und sprechen sie mir nach:

„Und eines sage ich Dir, lieber Nachbar: Die Liebe wird mehr, wenn wir von ihr Gebrauch machen.“

Die Liebe hört nie auf. Die Liebe wird niemals weniger. Die Liebe wird mehr, je mehr sie in Anspruch genommen wird. Die Liebe, sie reicht für alle.

 

Die Moraldebatte trifft die Ärmsten

 

Warum reicht es dann nicht für alle. Warum hungern Menschen? Warum müssen sich Menschen ins unserem Land entscheiden, ob sie in dieser Woche, eher einheizen sollen, oder doch einmal in einem normalen Supermarkt einkaufen gehen. Ist es da nicht naiv von der Liebe, dem Altruismus, der Solidarität, oder gar von Gerechtigkeit zu reden. Geht es da nicht um hard-facts, wie Budgets und die Verteilung von Steuermitteln.

Möchte man meinen, doch wenn ich etwa den Debatten um die Mindestsicherung zu höre, dann höre ich da wenig ökonomische Argumente, sondern gerade da wird gerne die Moral ins Feld geführt. Da wird von Gerechtigkeit geredet und Fairness, dass es nicht fair sei, das Asylberechtigte, das gleiche bekämen, wie Österreicher, dass es nicht gerecht sei, das Ausgleichszulagenbezieherinnen nur unwesentlich mehr bekämen, als Mindestsicherungsbezieherinnen. Die Diskussion wird durch moralische Begriffe dominiert. Der Gedanke, dass jedem Menschen, ein Mindestmaß an Beteiligung an unserer Gesellschaft zugestanden werden soll und kann, um seine Menschenwürde und Freiheit zu leben, dass es eben bei der Mindestsicherung, um das Mindeste geht, das absolut Notwendigste, tritt dabei in den Hintergrund. Mir fällt auch auf, dass je ärmer die Menschen sind, desto höher die Moralansprüche an sie werden. Es wird Neid geschürt zwischen denen, die ohnehin auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter stehen und denen, die überhaupt einmal an die Leiter herantreten wollen, um eine Sprosse zu erklimmen. Die ganz oben kommen nicht in den Blick. Das wäre ja dann auch auch eine Neiddebatte. Neiddebatten wollen und brauchen wir nicht. Den der Neid, die Missgunst und die Vernaderung haben die gleiche Eigenschaft wie die Liebe und die Solidarität, sie werden mehr, je mehr Gebrauch von ihnen gemacht wird.

Im Grunde geht es immer um die Liebe. Es geht darum, wem die Liebe gilt. Gilt die Liebe, die Solidarität, der Zusammenhalt, die Nächstenliebe nur einem kleinen Kreis, der eigenen Familie, der eigenen Nation, einer konstruierten weißen Rasse, gibt es die Liebe nur in beschränktem Ausmaß, muss mit ihr sparsam umgegangen werden? Ist das wir eines das andere ausschließt, das sich darüber definiert anderes zu sein und anderen überlegen? Oder, und da ist die Bibel klar, ist die Liebe ein Geschenk, wie all der Reichtum auf Erden, der uns nur geschenkt oder auf Lebenszeit geborgt und geliehen ist, uns allen, die wir Geschöpfe des einen Schöpfers sind, der reichlich für uns sorgt.

Diese Liebe ist ein Geschenk, das niemals weniger wird. Die Liebe hört nimmer auf.

Ja und ich füge hinzu, sie wird mehr, je mehr sie geübt wird.

 

Martin Luther und die Liebe fließt

 

Doch kann man das so sagen, von der Kanzel, im Jahr der Reformation, wo uns Protestanten doch jede Übung fremd ist, und die gute Tat verdächtig nach Werkegerechtigkeit riecht und das Wort allein doch schon reichen sollte.

Paulus thematisiert das in seinem „Hohen Lied der Liebe“, wenige Verse vor unserem Predigttext.

„Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.“ Die Gemeinde in Korinth, zu der er spricht, sie lebt ja in vorbildlicher Weise den sozialen Ausgleich. Die meisten verzichten auf Privatbesitz, sie teilen das, was sie am Tag erarbeitet haben mit den Strassenkindern, denen sie den Weg in die Gemeinde bereiten wollen. Bei ihrem Abendmahl werden alle satt. Die Reichen bringen, was die Armen nötig haben. Trotzdem redet Paulus von der Liebe: „Und wenn ich all mein Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wär’s mir nichts nutze.

Denn die Liebe ist mehr als der soziale Ausgleich. Liebe heißt eine Beziehung eingehen, Liebe heißt Geschwisterlichkeit leben. In der Liebe gibt nie nur der eine. Die Liebe lässt mich im anderen Gottes Ebenbild erkennen. Spricht Paulus von der Liebe, dann spricht er immer auch von der göttlichen Liebe. Martin Luther, der muss in einer Predigt im Reformationsjahr vorkommen unterscheidet zwei Arten von Liebe – die menschliche und die göttliche: „Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.“ (Heidelberger Disputation) Gottes Liebe liebt auch die, die nicht liebenswert erscheinen. Gottes Liebe ist keine Liebe, die den eigenen Vorteil sucht, sondern die, die „sich verströmt und Gutes schafft.“

Luther verwendet das Bild vom Fließen der Liebe Gottes, weil es die einseitge Bewegung von Gottes Geben zeigt – von Gott zu uns. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen führt der Reformator dieses Bild weiter: „Von Christus her fließen Gottes Gaben zu uns; denn er hat sich in seinem Leben unser angenommen, als wäre er das gewesen, was wir sind. Von uns aus sollen sie denen zufließen, die sie brauchen, und zwar ebenso völlig.“

Was für ein schönes Bild. Die Liebe Gottes fließt in uns hinein, um anschließend weiterzufließen. Die Liebe strömt zu jedem einzelnen von uns, und von uns strömt sie weiter zu den Menschen, die sie brauchen. Wir sind gleichzeitig Empfangende und Gebende. Geliebte und Liebende. Aber wir empfangen Gottes gute Gaben nicht nur, wir werden durch sie geprägt und verändert, -liebevoll und liebenswert.

Und Gottes gute Gaben, Gottes Liebe sie reichen für alle. Das wissen Emil und Otto, Aristoteles und Paulus, Martin und wir.

Also es ist und bleibt ganz einfach.

„Liebt einander, dann reicht es für alle!“

 

AMEN