Weltgebetswoche für die Einheit der Christen 2018

Gastpredigt von Carmen Rolle am 28. Jänner

Die Texte wurden jener neuen Übersetzung entnommen, die die Katholische Kirche der völlig neuen Erfahrung ausgesetzt hat, als übertrieben modern und feministisch zu gelten ;)

 

 

Lesung: Mt 18, 1-5

 

In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist denn im Himmelreich der Größte? Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.

Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.

 

 

Predigttext: Jer. 9, 22-23

 

So spricht der HERR: Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums. Nein, wer sich rühmen will, rühme sich dessen, dass er Einsicht hat und mich erkennt, nämlich dass er weiß: Ich, der HERR, bin es, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit wirkt.

 

 

 

Liebe Gottesdienstgemeinde!

 

Erst einmal ein Gruß aus luftiger Höhe! Eine neue Erfahrung für mich.

Ganz alte Menschen sind ja meist mehr dem Boden und der Erde zugewandt, also sitze ich in meiner Arbeit im Altenheim eher auf dem Fußboden. Um so nahe zu sein, dass ich auch die ganz leisen Worte höre, dass ich auch Schwerhörige nicht anschreien muss, dass Berührung möglich ist.

Ich möchte heute nicht von Ökumene reden. Da wurde alles, was zu sagen ist, schon oft gesagt. Dass so vieles noch immer nicht möglich ist, gerade auch seitens meiner eigenen Kirche, tut mir einfach weh und ärgert mich. Ich bin überzeugt, wir Christen sollten vorangehen, wenn es geht Verständigung, Frieden und Gemeinschaft zu suchen, wenn es darum geht, auszuhalten, dass andere eben anders sind. Das wäre unsere Aufgabe als Kirche in der Welt von heute.

Ich möchte Ihnen auch keine ausführliche Bibelauslegung liefern. Das können Veronika und Josef viel besser.

 

Heute möchte ich Sie mitnehmen auf einen gedanklichen Besuch im Altenheim. Suchen Sie sich aus, wo sie hinwollen: Zur Caritas? Zur Diakonie? Zum Magistrat? Die Freuden und Nöte der Menschen, die darin wohnen, sind so ziemlich die gleichen.

 

Denken Sie mit mir an die Menschen in so einer Pflegeeinrichtung. Die meisten sind so Mitte 80 (manche auch viel jünger, manche einiges älter) und brauchen für ihren Alltag mehr Hilfe, als daheim zu schaffen wäre.

Viele von ihnen leiden an Demenz. Das heißt, sie sind sich ihrer selbst nicht mehr sicher, die Orientierung geht verloren und auch die Vorstellung davon, wie man sich „benimmt“. Was man tut und was nicht. Was nicht dement wird, ist die Seele. Die weiß genau, was sie leben lässt und was schmerzt, und sie ist bereit, diese Erfahrung auch mitzuteilen.

Aber ob es nun mehr das Gehirn ist oder der Körper, der nicht mehr so tut wie gewünscht: Auf jeden Fall sind die Menschen jetzt in einer Pflegeeinrichtung, im „Heim“ angekommen.

Sie lassen sich helfen, im Bad, beim Anziehen, am WC – oder vielleicht auch nicht. Sie sind recht durchschaubar geworden in ihrer Lebensführung, weil jedes Ding, das sie jetzt noch besitzen, durch die Hände eines anderen geht, ehe es bei ihnen im Zimmer ist. Ob es nun die eigenen Kinder sind oder ein Sachwalter die Übersiedlung und dann den Einkauf der privaten Sachen erledigt: Privat ist dann nichts mehr.

Es gibt in unseren Häusern Menschen, die lieben es, laut singend durch die Gänge zu ziehen. Also tun sie es. Da sind Menschen, die müssen für jede Kleinigkeit um Hilfe bitten, auf Hilfe warten. Die einen tun’s mit Freude, die anderen schreien ihren Zorn hinaus.

Da sind Menschen, die scheinen einfach die weiche Bettwäsche auf der Haut zu genießen und da sind Menschen, die rastlos und verzweifelt auf der Suche nach einem Menschen, den es meist nicht mehr gibt, durchs Haus streifen.

 

Diese Lebens- und Verhaltensweisen stoßen viele ab. Die Menschen im Heim werden belächelt, oft auch verachtet. „unwürdig“ wird solches Leben oft genannt. In der öffentlichen Wahrnehmung sind unsere ganz Alten vor allem Kostenfaktor. Unnütze Esser, die auch noch Arbeit machen. (Es fällt auch auf, dass alle Leute, von denen man nicht so recht weiß, was man mit ihnen tun soll – Asylwerber, Langzeitarbeitslose, Menschen, die einen außergerichtlichen Tatausgleich suchen…. In die Altenheime zum Arbeiten schicken möchte.

Nichts gegen Menschen aus diesen Personengruppen, aber die Arbeit in der Pflege ist doch auch eine professionelle Angelegenheit. Es käme ja auch keiner auf die Idee, jemanden zu Integrationszwecken an den Hochofen zu stellen!)

 

Woher kommt diese seltsame Einstellung den ganz Alten gegenüber? Woher dieses Abwerten, Verachten, Bevormunden?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die BewohnerInnen in den Heimen oft aufgehört haben, ihre Nacktheit, ihre Blöße zu verbergen? Dass ihre Verwundbarkeit so offensichtlich ist?

 

Seit Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, wissen wir um unsere Nacktheit, schämen uns ihrer und versuchen, sie zu kaschieren: Die ersten Feigenblätter haben wir ordentlich weiterentwickelt zu prächtiger Kleidung. Haltung, sichtbare und unsichtbare Mauern, Fassaden, Autos, Titel, unsre Sprache – alles soll zeigen, dass wir WER sind. Alles soll verdecken, wie sehr wir auch innerlich nackt sind, unsere innere Blöße: dass wir Angst haben, dass wir es so brauchen, umarmt zu werden, dass wir falsch und trotzdem gerne singen (ich zumindest), dass wir uns nach Anerkennung sehnen und uns vieles kränkt und verletzt.

 

Nein, unsere Blöße soll niemand sehen. Da machen wir lieber anderen und uns selbst was vor. Wir haben das Verstecken unserer Blöße zur großen Kunst erklärt, und mehr noch, zum Inbegriff und Grund unserer Würde. Also tun wir so, als ob wir mutig wären, souverän, unabhängig, überlegt. Denn Würde, so die landläufige Meinung, Würde ist, wenn ich mein Leben im Griff habe und keiner sieht, wie es innerlich ausschaut.

 

Wenn ich mein Handeln oder zumindest das, was davon nach außen dringt, unter Kontrolle habe. Gedanken, Gefühle, Verdauungsgeräusche, Sexualität, Ausscheidungen, Anzahl und Zeitpunkt etwaiger Geburten…. Alles gibt’s in kontrollierter, ja zensurierter Form. Das Spontane, Eruptive, Zufällige ist peinlich, ein Zeichen persönlicher oder sozialer Schwäche. Auch Verletzbarkeit wollen wir nicht zeigen. Als ob wir alle für einen Kampf bereit sein müssten!

 

Doch es kommt der Tag (und für die meisten unserer BewohnerInnen ist er schon längst vorbei), da stürzen all diese Fassaden zusammen. Da muss man die eigene Blöße aushalten und sie auch noch anderen zumuten. Da stehen wir da mit unserem sprichwörtlichen nackten Leben. Da ist man nicht mehr WER, da ist man NIEMAND – oder kommt sich zumindest so vor!

Für manche, die das erleben – oder auch beobachten – ist es, als ginge hier eine Schlacht verloren. Als wäre das eine Niederlage. Sie schämen sich, oft auch ihrer Angehörigen. Mitleid und Trauer können umschlagen in Verachtung und Aggression.

 

Oft wird unterstellt, dass mit der Selbstkontrolle auch die Lebensfreude, ja das Lebensrecht und vor allem die Menschenwürde verloren geht, dass ein minderwertiges Leben besteht, das doch endlich vorbei sein soll.

 

Doch bevor Sie jetzt grantig werden, weil ich Ihnen mit diesen Aussichten den Sonntag verdorben hab: Man kann diese Situation auch ganz anders sehen.

 

Man kann sich z.B. unseren heutigen Predigttext durchlesen, der sagt: Gib nicht so an mit deiner Gscheitheit. Mit all dem Zeug, mit dem du den anderen imponieren und deinen Platz in der Gesellschaft sicher willst. Sondern besinne dich dessen, dass ICH DEIN GOTT bin. Darauf kannst du stolz sein. Es geht gar nicht darum, immer so selbstbeherrscht zu sein. Denn wenn du dich immer selbst beherrschst, welcher Platz bleibt dann für Gott in deinem Leben? Wenn du dich ständig selbst unter Kontrolle hast, wie soll dann Gott als dein Herr oder vielmehr dein Hirt in dein Leben treten?

Kannst du das denn überhaupt noch, zulassen, dass jemand anderer dein Leben leitet?

 

Man kann auch auf die Evangelienstelle schauen: dass den Kindern das Himmelreich offensteht. Nicht, weil sie so herzig und unschuldig seien, wie so oft verlautet, nein, auch zur Zeit Jesu hat es sicher genug Gfraster gegeben, dass er auf diese Idee nicht gekommen sein wird. Sondern weil Kinder im Allgemeinen keine großen Meister der Selbstbeherrschung sind, im Gegenteil: Kinder können sich fallen lassen, in Situationen hinein, auf Menschen zu. Kinder leben ohne totale Selbstkontrolle,  zeigen Gefühle, leben mit ihrer Nacktheit und Blöße – in einer für Erwachsene ungreifbaren Intensität. Wer wieder sein kann wie ein Kind, dem öffnet sich eine Tür ins Leben, so Jesus sinngemäß.

 

Wenn wir aufhören, anderen und uns selbst etwas vorzumachen, wenn wir zulassen, dass vieles außerhalb unserer Kontrollmöglichkeit liegt, wenn nicht alles im Leben ins Schema des Normalen und Richtigen passen muss, dann gewinnen wir eine ungeheure Freiheit.

Eine Freiheit, die ich gerade auch bei Menschen im Pflegeheim immer wieder beobachten darf.

 

Weihnachten ist noch nicht so lange her. Da haben wir einen Gott gefeiert, der sich nackt und bloß dieser Welt aussetzt. Sich preisgibt den Menschen, seinen Eltern, seinen Anhängern, den Fanatikern, Richtern, Verrätern, Schlägern, Henkern. Um dann, immer noch nackt und bloß, zu sterben.

Nie war er in Sorge, eine Schlacht zu verlieren, immer im Bestreben, das Leben zu gewinnen.

 

Das Leben gewinnen wir, wo wir unsere Nacktheit, Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit aushalten, andern zumuten und mit der Blöße anderer ganz behutsam umgehen.

 

Mir graut vor einer Gesellschaft, in der alle tüchtig, ordentlich und herzeigbar sind, in der alle anstandslos funktionieren. Ich glaube, es wäre sehr kalt darin.

 

In unseren Alten- und Pflegeheimen leben Menschen, die den Tag damit verbringen, Vögel zu beobachten, liebevoll an ihre Familie zu denken. Da leben Menschen, die viel beten, die offen sagen, wie ihnen zumute ist. Menschen, die ihre körperliche und existentielle Blöße aushalten und anderen zumuten. Menschen, die leben können mit all dem, was fehlt, was vorbei und verloren ist.

Manche bezeichnen diese Menschen als solche am „Rand der Gesellschaft“. Aber abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass man eine Gesellschaft in Rand und Mitte einteilen kann – und wer sollte die gültige Perspektive bestimmen – ist es doch auch der Rand, der das in der Mitte zusammenhält. Wir brauchen diese Menschen, die uns um Hilfe bitten und uns Verletzlichkeit und Bedürftigkeit vor Augen führen. Sie sind uns Lehrer und Propheten, die fehlen würden, wären sie nicht da.

 

Und – bei aller natürlich auch vorhandenen Unzulänglichkeit - es gibt hier Menschen, die es sich zum Beruf gemacht haben, für diese da zu sein. Sie zu unterstützen, mit ihnen eine Beziehung einzugehen, mit ihnen zu lachen und zu weinen, geküsst und geschlagen zu werden und doch immer wieder zu kommen.

Ich habe erlebt, dass Pflegeeinrichtungen Evangelium sein können, in das man hineingehen kann. Es gibt so viele Menschen darin, die die Botschaft Jesu leben ohne je darüber nachgedacht zu haben.

Sie können sich gern selbst überzeugen, gehen sie einfach einmal mit mit mir!

 

Vor allem aber vergessen Sie bitte nicht: Wir sind Kinder Gottes. Wir brauchen nicht selbst Herr über unser Leben zu sein. Wir können uns leiten lassen und uns dem aussetzen, was einfach so daherkommt. Uns berühren lassen von dem, was uns widerfährt und unsere Grenzen und Endlichkeit hinnehmen. Wir brauchen uns nicht größer machen. Wir können in aller Ruhe klein sein, wenn wir klein sind. Das ist keine Schwäche, das ist unsere Würde.