Liebe Gemeinde,

 

sie haben auf den ersten Blick keinerlei Ähnlichkeiten, diese beiden. Er blond, sie mit braunen Haaren. Er aus der Großstadt, sie aus der deutschen Provinz. Er hat gerade einen neuen Job angetreten, sie sucht noch einen. Seiner ist ganz gut – Präsident der USA; sie wollte es als Verkäuferin versuchen. Er, benannt nach einer reichen Ente, sie benannt nach einer armen Jungfrau.

Diese beiden Unterschiedlichen haben mich in der letzten Woche begleitet. Er in den Schlagzeilen der Zeitungen, sie – die Freundin, die Maria heißt – am Telefon.

 

Da ist mir dann schließlich doch eine Gemeinsamkeit aufgefallen. Über ihn schrieb ein deutsches Satiremagazin: Sein gesamter Wortschatz ohne Superlative, also ohne „best“, „greatest“ usw. belaufe sich auf drei Wörter: I am the.

Und sie, deren Bewerbungsgespräch gut gelaufen war, sagte am Telefon immer wieder: Ich glaube, ich kann das nicht. Ich bin zu schlecht.

Der selbstverliebte Donald und die an sich selbst verzweifelnde Maria – dies haben sie gemeinsam: Sie meinen ganz genau zu wissen, wer sie sind!

Da sind viele Rufzeichen hinter ihren Sätzen: Ich bin der größte! Ich bin zu schlecht!

 

Was die beiden dringend brauchen, ist ein Fragezeichen. Wer macht aus ihrem „So bin ich!“ ein „Wer bin ich?“

 

Auf der Suche nach diesem Fragezeichen musste ich an mein Lieblingsspiel denken. Es heißt Personality. Immer, wenn ich dieses Spiel gespielt habe, waren da am Ende viele Fragezeichen und ein großes „Wer bin ich?“ lag in der Luft.

 

Ich lade sie also ein, mit mir zu einem dieser Spieleabende zurückzukehren, auf der Suche nach dem Fragezeichen. Bei Personality geht es darum, sich selbst und andere einzuschätzen. Wenn ich an der Reihe bin, muss ich von einer Karte einen Satz vorlesen. „Wie stark trifft diese Eigenschaft auf mich zu: lustig?“. Alle anderen müssen dann auf einer Skala von 0-10 einschätzen, wie 'lustig' ich bin. Dazu hat jeder und jede eine Drehscheibe mit einem Pfeil. Und auch ich selbst muss mich einschätzen. Halte ich mich für sehr lustig, wähle ich 10. Wenn ich mich für extrem ernst und unlustig halte, nehme ich die null. In diesem Fall ist das leicht. Ich halte mich eigentlich für ziemlich lustig, aber natürlich bin ich auch bescheiden genug, nicht das Höchste zu nehmen. Ich drehe also meine Scheibe auf 8. Als schließlich alle meine Mitspieler und Mitspielerinnen ihre Drehscheiben umdrehen, folgt der Schock: Alle liegen so zwischen 3 und 5. Meine Schwester lacht: „Was? Eine 8 hast du genommen? Dabei machst du immer so schlechte Witze! Du bist doch nicht lustig!“ Ein Freund rechtfertigt seine 5: „Ich habe gedacht, na so normal halt – nicht besonders lustig, nicht besonders unlustig, halt: normal!“

Und schon waren sie da, die Fragezeichen. Die Frage „Wer bin ich?“ Wer bin ich eigentlich, wenn ich gar nicht der lustige Kerl bin, für den ich mich halte?

Der Spieleverlag wirbt auf der Packung mit dem Spruch: „Hier lernen Sie sich wirklich kennen!“. Wenn das stimmt, dann gehört zum Sich-Selbst-Kennenlernen wohl dazu, dass man sich selbst ein wenig fremd wird. Weiß ich überhaupt, wer ich bin?, Sehen mich die anderen richtig oder sehe ich mich richtig? Wer bin ich eigentlich? Ziemlich aufgewühlt, mit diesen Fragen im Kopf, bin ich nach so manchem Spieleabend eingeschlafen…

 

Liedstophe 1 574,1

 

II

 

Auch in unserem heutigen Predigttext spielen zwei miteinander Personality. Es sind Mose und Gott. Doch der Schauplatz ihres Spieleabends ist kein Tisch in einem beschaulichen Wohnzimmer mit Kamin, wo sich Freunde und Familie zusammensetzen. Gott und Mose spielen Personality am Berg Horeb. Statt eines Kamins brennt ein Dornbusch. Darin steckt einer der Mitspieler: Gott. Mose nähert sich ihm und die beiden kommen ins Gespräch. Nach kurzem Vorgeplänkel kann das Spiel beginnen – der Spielbericht ist nur zwei Verse lang. Ich lese aus dem 2. Buch Mose, 3. Kapitel. Gott sagt da zu Mose:

10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

12 Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.

 

Stellen wir uns Mose und Gott beim Personality-Spielen vor, dann würde das wohl etwa so ausschauen. Im ersten Spielzug zieht Mose eine Karte und liest vor: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein ganzes Volk aus Ägypten führe?“ Mose und Gott stellen auf der Skala von 0-10 ein. Dann decken sie auf: Mose hat eine 0 gewählt! Für große Projekte bin ich zu schlecht, mag er gedacht haben, wie meine Freundin Maria am Telefon, als es um ihren neuen Job ging. Eine 0 ist da die konsequente Selbsteinschätzung. Aber nun deckt Gott seine Drehscheibe auf: Eine 10! Natürlich Mose, du bist es, du sollst zum Pharao gehen! Wer denn sonst.

 

Und schon sind sie da, die Fragezeichen, die Mose aus seiner Selbstverachtung rausholen. Er beginnt immerhin zu fragen: Wer bin ich, dass ich mein Volk aus Ägypten herausführen soll? Wer bin ich, dass Gott mir das zutraut? Im ersten Spielzug wird Mose sich selber fremd durch das Vertrauen, das Gott in ihn setzt. Das Rufzeichen hinter seinem Bild von sich selbst ist zu einem Fragezeichen geworden.

 

Doch Achtung. Zwischen den Zeilen unseres Textes spielen die beiden noch weiter, stelle ich mir vor. Du bist noch einmal dran, sagt Gott jetzt zu Mose. Vielleicht liegen wir jetzt näher beieinander!

Also gut, antwortet Mose und zieht die nächste Karte. „Wie stark trifft diese Eigenschaft auf mich zu…stark?!

Jetzt nimmt Mose, strotzend vor Selbstbewusstsein, eine 10. Seine Fragezeichen sind schnell wieder weg: Ich bin der stärkste, denkt er. Warum sollte ich sonst auserwählt worden sein, mein Volk wieder groß zu machen. Ich muss ganz schön stark sein!

Aber nun enttäuscht ihn Gott: Er hat nur eine 2 eingestellt. Besonders stark ist er nicht dieser Mose! Mose kennt sich nicht mehr aus: Warum dann dieser Auftrag? Aber Gott bleibt ganz ruhig: „Auf deine Frage Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und mein Volk aus Ägypten führe – habe ich da gesagt: Du bist der Stärkste, den ich finden konnte? Nein, Mose, das habe ich nicht gesagt. Meine Antwort war: Ich will mit dir sein!“

 

Und schon sind sie wieder da, die Fragezeichen: Wer bin ich? – Ich will mit dir sein? Wie passt das zusammen? Reden da nicht zwei völlig aneinander vorbei? Und wer ist eigentlich dieser Gott, der hier sein Spielchen mit Mose spielt?

 

Das Spiel ist aus. Doch Mose geht noch nicht. Er will es wissen: Wer ist er nun wirklich, Gott, dieser große Fragezeichenmacher? Mit wem habe ich hier eigentlich gespielt? Zwei Verse später beantwortet er es: Ich bin, der ich bin. Oder auch: Ich werde sein, der ich sein werde. Oder, in der Sprache Trumps, I am that I am. Es folgt kein Superlativ, kein greatest, kein best. Gottes Sprache ist weitaus bescheidener als die des amerikanischen Präsidenten!

Nichts ist hier klar: Über Übersetzung, Bedeutung und Herkunft dieses Namens J-H-W-H wird seit Jahrtausenden gestritten. Gott bleibt Mose selbst ein Fragezeichen. Gott bleibt Mose fremd.

 

Mose hatte ihn gebeten, sich vorzustellen, damit er den Israeliten sagen kann, wer ihn schickt. Er wollte sich auf Gott berufen. Er wollte Gott zum Argument machen, zur Autorität, die ihn stützt. Er wollte Gott greifen können, wollte mit ihm seine Rufzeichen unterfüttern. Mit seiner verwirrenden Antwort macht Gott klar: So geht das nicht.

 

Ich will mit dir sein, das heißt nicht: Du kannst dich auf mich berufen.

Ich will mit dir sein, das heißt: du kannst dich auf mich verlassen.

Ich werde dir fremd bleiben, weil ich dich nicht immer so unterstütze, wie du es gern hättest. Ich bin nicht dein bestes Argument, mit dem du die Israeliten überzeugst. Aber ich bin dein beharrlicher Begleiter, durch die Wüste, durch den Hunger, durch den Durst.

Ich bin nicht das Rufzeichen hinter deiner Meinung – ich mache dir Fragezeichen und fange sie auf!

 

Liedstrophe II 574,2

 

III

 

Gott spielt mit uns Personality, jeden Tag aufs Neue. Er schafft in uns Fragezeichen und fängt sie auf, wenn er sagt: Ich will mit dir sein!

 

Das kann sich dann so anhören:

Wer bin ich, dass ich von einer Person geliebt werde, die so viel perfekter scheint als ich selbst? Ich will mit dir sein!

Wer bin ich, dass ich im Operationssaal Leben und Tod in der Hand habe? Ich will mit dir sein!

Wer bin ich, dass ich Verantwortung für ein Kind übernehmen soll? Ich will mit dir sein?

 

Das ist die Erfahrung, die wir immer wieder machen dürfen, wenn Gott mit uns Personality spielt. Manchmal traut er uns mehr zu als wir uns selbst, manchmal weniger. Er will uns herausholen aus unserer Selbstgewissheit, aus der Selbstverliebtheit des Trump in uns und aus den nagenden Selbstzweifeln der Maria in uns. Manchmal schenkt uns Gott eine kleine Ungewissheit darüber, wer wir selber sind. Dann können wir uns nicht in unserer Selbstverliebtheit oder Selbstverachtung einrichten. Ich will mit dir sein. Mit dir, so wie du bist, wie du von mir gemeint bist, auch wenn das manchmal anders ist, als du glaubst.

 

Wir Christinnen und Christen können die Fragezeichen in uns zulassen. Wir können akzeptieren, dass wir selbst uns manchmal fremd bleiben, weil Gott mit uns ist, mit uns als ganzem Menschen.

 

Und ich glaube fest daran: Wenn wir das erleben, dass Gott mit uns ist – mit der Fremdheit in uns und mit unseren Fragezeichen, dann haben wir Christinnen und Christen etwas zu sagen in dieser Welt. Wir werden gebraucht, um die Rufzeichen in Fragezeichen umzubiegen.

 

Die Angst vor dem Fremden äußert sich meist in Rufzeichen. Die Parolen gegen das Fremde lassen keine Fragezeichen zu. In ganz Europa schallt es momentan durch die Straßen: „Wir sind das Volk!“ „Sie sind fremd!“

Lassen Sie uns als Christinnen und Christen in die Welt gehen und die Rufzeichen zu Fragezeichen umbiegen. Wer sind wir? Was ist das Volk? Was heißt hier fremd?

Amen.

J.Modess

f

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