Robert Misik

Es ist mir eine große Ehre, dass Sie mich eingeladen haben, hier an diesem Reformationstag - dem wichtigsten evangelischen Feiertag -, eine Predigt zu halten. Und es ist ja nicht irgendein Tag. Es ist der 500. Jahrestag des Thesenanschlages von Wittenberg. Und ich will da jetzt gar nicht groß in die Kirchengeschichte eintauchen, ich bin da auch alles andere als ein Experte. Aber natürlich ist das ein großer, historischer Mutanfall gewesen des Mönchs und Theologen Martin Luther. Und ein Wutanfall.

 

Und seien wir uns ehrlich, es ging dabei ja nicht nur um theologische Diskussionen, wohl nicht einmal primär. Es ging um die Korruption des Klerus. Um den Ablasshandel, die Vorstellung, dass man seine Sünden gegen Geld eintauschen kann. Um Kirchenfürsten, die den Leuten eingeredet haben, dass sie von ihren Sünden befreit werden, wenn sie nur ausreichend Goldtaler rüber schieben.

 

Damit sich die Bischöfe prunkvolle Paläste bauen können.

 

Um Kirchenfürsten, die im Prunk schwelgten, während die Bauern rundherum im Elend lebten.

 

Das heißt: Es ging um Korruption. Darum, dass sich eine Kaste - die da oben - von ihren Idealen verabschiedet hat, dass sie einer Moral untreu geworden sind, dass sie sich von den Idealen verabschiedet hat, die eine Gemeinschaft zusammen gehalten haben.

 

Es ging somit um die Gemeinschaft, also um einen Kreis von Menschen - in dem Fall: die Gemeinde der Gläubigen -, die durch Bande zusammen gehalten werden sollen, durch ein paar Prinzipien, die man teilt in der Gemeinschaft. Und diese Bande würden zerrissen durch die Korruption, weil die Prinzipien mit Füßen getreten würden durch eine herrschende Kaste.

 

Das war der Hintergrund für diesen Wutanfall und diesen Mutanfall vor 500 Jahren.

 

 

Gemeinschaft, damit war in diesem konkreten Fall die Gemeinschaft der Gläubigen gemeint. Wie bei jeder Gemeinschaft gibt es damit diejenigen, die zur Gemeinschaft zählen, und diejenigen, die nicht zu ihr zählen.

 

Diejenigen, die das betrifft, und die das nicht betrifft. Die, die eingeschlossen sind von dem WIR, und die das nicht betrifft, die nicht zum WIR zählen.

 

Insofern ein politisches Thema.

 

Und dieses Thema hat eine immense Aktualität. Es hat immer eine Aktualität. Es ist immer da, als Thema. Es bestimmt unsere Vorstellungen von der Welt, wenn wir über unsere engsten Kreise reden - Freunde, Familie, vielleicht die dörfliche Gemeinschaft, oder in der Stadt das Viertel, oder die weiteren Kreise - vielleicht die Stadt - oder auch noch weitere Kreise: Das Land.

 

Die Frage: In welchen Land wollen wir leben? Auch da steckt ja drinnen, sonst würde sich die Frage gar nicht aufwerfen lassen: Dass wir ein WIR sind, auf irgendeine Weise, dass wir durch irgendetwas verbunden sind. Und der weiteste Sinn ist natürlich die Menschheit. Das ist das größte WIR das denkbar ist. Und natürlich kann man sagen: Der Fernste soll uns so nah sein wie der Nächste. Das ist ein hoher moralischer Wert. Aber in der Regel, in der wirklichen Welt fühlen wir uns für die Nächsten eher verantwortlich als für die Fernsten.

 

Es gibt auch gute Gründe, sich eher zu fragen: In was für einem Land wollen wir überhaupt leben?

 

Weil wir darauf noch Einfluss haben. Irgendwie. Wir verfolgen Wahlkämpfe, überlegen uns, für welche Weltbilder die Kandidaten stehen, welche Überzeugungen sie vertreten - oder wir können das wenigstens tun -, und dann nehmen wir an Wahlen teil, und unsere Wahlentscheidung hat dann auf irgendeine Weise jedenfalls Einfluss darauf, wie unser Land gestaltet sein wird. Wie wir das organisieren, ob wir eine Ellbogengesellschaft schaffen, in der nur die Stärksten und Erfolgreichsten eine Chance haben und die anderen haben keine, oder ob wir eine andere, vielleicht solidarischere Gesellschaft schaffen.

 

Aber Wahlen sind natürlich nicht die einzige Weise, darauf Einfluss zu nehmen, wie unser Land aussehen soll.

 

Das Engagement in Vereinen, auch hier in Kirchengemeinden, in der Nachbarschaft, oder nur sich um die einsame Nachbarin kümmern - all das nimmt auch Einfluss darauf, wie ein Land aussieht. Es nimmt Einfluss darauf auf die Vorstellung, wie das Land aussehen soll, und es nicht Einfluss darauf, ob sich die Realität dieser Vorstellung annähert.

 

Solidarische Gesellschaft -> wird sie das auch in der Realität.

 

Und wir können natürlich auch noch sehr viel mehr tun: Wir können mit unseren Freunden diskutieren, am Stammtisch, im Wirtshaus, im Internet, wir können Leserbriefe schreiben oder Artikel oder Bücher -also auf die öffentliche Meinung Einfluss nehmen IN UNSEREM LAND.

 

Aus all diesen Gründen ist es nicht verwundernswert und auch keine Kleinkrämerei wenn man meint, das eigene Land ist einem irgendwie näher als ein Ferneres. Nehmen wir nur England. Da kann ich all das nicht. Ich kann da weder wählen, noch mich groß in der lokalen Gemeinschaft einbringen, und auch nicht die öffentliche Meinung beeinflussen.

 

Das heißt nicht, dass ich mich nicht über Unrecht in England empören kann. Natürlich kann ich das. Aber ich werde mich dafür nicht verantwortlich fühlen, jedenfalls nicht sehr.

 

Weil ich es schwerer ändern kann als meine unmittelbare Umwelt oder all diese Dinge in meinem Land.

 

 

Es mag ja Menschen geben, denen mehr oder weniger egal ist, was um sie herum vorgeht. Die vielleicht ein bisschen ignorant sind, vielleicht auch egoistisch, und sich denken, solange es mir gut geht ist mir alles rundherum egal. Die dann vielleicht sagen: Dem Fleißigen Vorrang! Weil sie sich selbst als fleißig ansehen, und die anderen, die sind nun mal selbst schuld an ihrem Unglück und sollen bitteschön schauen wo sie bleiben.

 

Dieser Menschentyp wäre gewissermaßen der Prototyp des Ego-zentrierten Individualisten, des Ich-lings, völlig entsolidarisiert.

 

Völlig zynisch.

 

Dieser Menschentyp würde aber dann auch schnell merken, dass er in einer Gesellschaft, die nach seinen Prinzipien organisiert wird, nicht recht glücklich werden kann. Es fehlte ihm an sozialen Banden, aber auch an Sicherheit. Geht er durch den Park, wird er vielleicht von jemanden erschlagen, der Hunger hat und kein Obdach. Seine Villa müsste er von Privatpolizisten bewachen lassen, und am besten müsste er in ein Reichenviertel ziehen, das mit Mauern geschützt ist.

 

Aber dieser Ichling ist ja ohnehin eine Karikatur.

 

Es gibt ja auch andere Mentalitäten, Haltungen, auch Wert-Haltungen. Menschen finden vielleicht, dass die Welt ein gefährlicher Platz ist, dass die Vorstellung, dass die Menschen im Grunde gut seien, eine schöne Phantasie, aber doch eine Illusion sei. Dass man sich auf wenige Leute verlassen kann, eigentlich nur auf die engsten Freunde und auf die Kernfamilie, und dass man gut daran tut, den meisten anderen zu misstrauen. Wenn Du so ein Menschenbild hast, wirst Du Dir dein Land, die Gesellschaft, die Gemeinschaft deiner Landsleute eher nicht als Gemeinschaft vorstellen, sondern als eine Art Kriegsgebiet, in dem Du immer auf der Hut sein musst und schauen musst, dass Du Deine Dinge zusammen hältst, auch deinen Besitz, damit Du wenigstens die Familie in ihrer sicheren Burg als einigermaßen geschütztes Rückzugsgebiet hast.  

 

Das heißt: Wenn Du ein solches Menschenbild hast, wirst Du Dich auch nicht unbedingt für eine solidarische Gesellschaft einsetzen, sondern auch eher die Ellbogen ausfahren, aber es ist nicht unbedingt eine sehr unmoralische Haltung. Es ist eine eigene Art von Moral. Wer so denkt - und oft ist es eher ein Fühlen als ein Denken -, hat eine andere Moral als ich sie habe, aber er ist nicht unbedingt unmoralisch. Man kann ihm nicht von vornherein Moral absprechen.

 

Und wenn dann jemand kommt: Sagen wir - Politiker -, oder auch Medien, die ihr Geschäft mit der Angst machen, dann können sie dieses Grundgefühl auch noch bestärken.

 

Den Menschen den Eindruck vermitteln, wir leben in einer Gemeinschaft, in der die Gefahr um die nächste Ecke lauert, dann können die Dir einreden, Du Bürger, Du bist ein Idiot, der fleißig ist und zahlt, während Dir ganz viele andere auf der Tasche liegen,

 

der ärmere, Dein Nachbar, er ist nicht Dein Nachbar, sondern Dein Feind.

 

Und der Flüchtling, der mit nichts als ein paar Klamotten hier ankam, der ist in fast allen Fällen eine Bedrohung, einer der uns auf der Tasche liegt, einer der eine Gefahr darstellt. Vielleicht nicht jeder, aber die allermeisten.

 

Und dann schleicht sich ein Sound in eine Gesellschaft. Ein Sound des Negativen. Es werden nur mehr die negativen Sachen gesehen, und nicht die Positiven. Wenn auf 95 Leute, die sich anstrengen, die das Herz am rechten Fleck haben, die sich bemühen, um sich und auch um andere, 5 Leute kommen, die vielleicht ein Problem darstellen, wenn dann immer nur von den 5 geredet wird aber nie von den 95, dann sieht unsere Welt tatsächlich bedrohlich aus.

 

Bedrohlicher als sie ist.

 

Eine Fake-Realität.

 

Und wer so sein Geschäft mit der Angst macht, der reißt nicht nur unsere Gesellschaften auseinander, er husst die Menschen gegeneinander auf, er stellt ein Wir-gegen-Sie. Dauernd steht dann ein Wir-gegen-Sie.

 

Aber das macht unsere Gesellschaften, unser Land nicht besser. Erstens zeichnet es ein völlig falsches Bild von der Wirklichkeit, aber es verhindert auch noch, dass diese Wirklichkeit, die zweifellos immer verbesserungswürdig ist, verbessert werden kann. Denn wenn alles wie eine Bedrohung aussieht, und am bedrohlichsten die Zukunft, wenn die Menschen von Angst zerfressen sind, und wenn sich diese Angst in unsere Gesellschaft hineinfrisst, woher sollen die Menschen dann die Energie und die Zuversicht bekommen, dass man die Welt verbessern kann?

 

Sie spüren es schon: Ich habe, so wie Martin Luther vor 500 Jahren, auch eine Wut. Eine Wut auf einen Sound, der von unserer Gesellschaft - auch von unserem Land - Besitz ergreift, diesem Sound, der zuerst kaum merkbar Angst und Zwietracht sät, Solidarität untergräbt, der die Menschen gegeneinander aufbringt und dann im Extremfall zu einer Sprache der Gewalt wird.

 

Und wenn eine Sprache der Gewalt Einzug hält, dann lauert die große Gefahr um das nächste Eck.

 

Wir sollten anders fühlen, anders handeln und es beginnt damit, dass wir anders über die Dinge sprechen.

 

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war glaube ich im Jahr 2004 und ich hatte heftigstes Zahnweh...

 

Die größte Rede, die ich jemals gehört habe.

 

Obama:

 

Ich glaube fest, dass wir als ein Volk verbunden sind. Wenn es ein Kind auf der South-Side von Chicago gibt, das nicht lesen kann, dann betrifft mich das, sogar dann, wenn es nicht mein Kind ist. Und wenn eine Rentnerin irgendwo lebt, die für ihre Medikamente nicht bezahlen kann und sich dann zwischen Medizin und seiner Miete entscheiden muss, dann betrifft mich das, dann macht das mein Leben ärmer, auch wenn es nicht meine Großmutter ist. Wenn eine arabische Familie von Polizei und Justiz drangsaliert wird, nur auf Verdacht hin, ohne dass sie etwas getan haben, dann bedroht das auch meine bürgerlichen Freiheitsrechte. Es ist dieser grundlegende Glaube - ich bin meines Bruders Hüter, ich bin meiner Schwester Hüter - der unser Land funktionieren lässt.

 

Der Mensch ist nicht des Menschen Wolf. Wir sind nicht im permanenten Kampf gegeneinander und allenfalls durch Indifferenz verbunden - oder eben halt nicht verbunden. Sondern wir sind füreinander verantwortlich. Das macht uns als Menschen aus. Und nur dann können wir unser Land und auch eine Gemeinschaft voran bringen.

 

Und die bibelfesten Gläubigen unter Ihnen haben es sicher schon gekannt, wo sich Obama da bedient hat.

 

Die Bibel. 1. Buch Mose, Genesis. Du sollst Deines Bruders Hüter sein.

 

Die religiösen Überlieferungen sind eine mächtige Quelle moralischer Haltungen und auch von der Sprache, in der wir sie ausdrücken können.

 

Ja, die Welt ist verbesserbar. Klar, das Paradies auf Erden werden wir nicht schaffen. Aber wir können unsere Gesellschaften zu besseren Orten machen. So wie Mose das Volk Israel aus der Sklaverei in das Gelobte Land führte, wofür es eine Generation brauchte, so haben auch frühere Geschlechter unsere Gesellschaft verbessert. Menschen aus der Sklaverei in die Freiheit geführt, ohne den Ort zu verändern.

 

Dazu ist ein gewisser Optimismus nötig, ein gewisses Zutrauen. Das Gegenteil von der Angst, von der ich gesprochen habe, die sich in unsere Gesellschaften hineinfrisst, sondern positive Zuversicht.

 

Vor 54 Jahren hat Martin Luther King gesagt: I have a Dream. Ich habe einen Traum.

 

Ich habe den Traum, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen werden, wo sie nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern nach ihrem Charakter.

 

Und alle aus ihrem Leben etwas machen können, und nicht als geborene Verlierer aufwachsen.

 

Ich habe einen Traum, hat er gesagt. Er hat nicht gesagt: Alles ist fürchterlich. Alles ist ein Alptraum.

 

Wie viele Leute hätte er begeistert, wenn er ihnen die Schlechtigkeit der Welt ausgebreitet hätte und in einem angstmachenden Sound gesagt hätte: Alles ist ein Alptraum. Und alles wird noch viel schlimmer.

 

Ich habe einen Traum, hat er gesagt.

 

Und es geht nicht um wirklichkeitsfremde Blütenträume von einer Welt in der Milch und Honig fließen. Sondern um die realistischen Träume, die Verwegenheit der Hoffnung auf das Bessermachen, Schritt für Schritt.

 

Verzagtheit? Aber nein.

 

„Fürchtet Euch nicht!“

 

Auch das ist eine Botschaft der Bibel, die weit über die Glaubenslehre und Theologie hinaus ihre Wirkung entfaltet.

 

Fürchtet Euch nicht!

 

Und noch ein Wort aus der Bibel:

 

"Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken: denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen."

 

Die Fremdlinge nicht bedrücken, sondern deines Nächsten, deines Bruders Hüter sein.

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken...

... denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

 

 

Und wissen Sie, ich weiß dass ich mich da auf ein Terrain begebe, bei dem wir uns vor einfachen Antworten hüten müssen. Denn ja, es sind sehr viele Flüchtlinge 2015 zu uns gekommen und in den Monaten danach. Unglaubliches haben unsere Landsleute geleistet, oft auch die Kirchen, in den Städten, in den kleinen Dörfern. Aber viele sind auch an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gegangen. Und viele derer, die gekommen sind, haben sich unglaublich angestrengt und unglaublich viel geschafft in diesen zwei Jahren.

 

Jugendliche, die zu Schulbeginn noch kein Wort Deutsch sprachen und dann am Ende des Schuljahres die Klasse geschafft haben.

 

Junge Leute, die mittlerweile studieren.

 

Aber viele haben natürlich auch Schwierigkeiten. Und es gibt auch unter den Flüchtlingen ein paar, die echte Probleme machen.

 

Gerade die, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, wissen davon oft am besten Bescheid.

 

Also, es gibt so viel worauf man stolz sein kein, und auch einiges, wo man sagt, dem kann man nicht Herr werden.

 

Und es hat ja nicht erst vor kurzem begonnen mit der Migration:

Wir sind seit Jahrzehnten ein Land mit Menschen aus aller Herren Länder.

 

Genug Jungs zum Beispiel, die sich abkapseln in einer Wertewelt, wo man sagt, das ist nicht die unsere.

 

Aber auch ganz viele tolle, die Mehrzahl, junge Leute: Wenn ich in Schulen gehe, in Gymnasien. Mädchen aus der Türkei, Bosnien, Tschetschenien, China, Serbien, Montenegro,

 

ein buntes Gemisch, die aber längst hier angekommen sind und sagen: Wir gehören nicht nur hier her, sondern wir gehören alle zusammen.

 

Wie gesagt: Natürlich gibt es Probleme. Niemand leugnet das. Aber wenn man den Fernseher einschaltet und die bunten Blätter aufschlägt und mit den Leuten am Stammtisch redet, dann hat man den Eindruck: Es gibt nur Probleme.

 

Und das macht mich auch wieder wütend:

 

Wann hat das eigentlich begonnen, dass man über Geflüchtete und andere Migranten politisch und medial nur mehr so spricht, als handle es sich um eine Termitenplage?

 

Als handle es sich nicht um unsere Mitmenschen, von denen viele längst gut hier angekommen sind, sondern um ein großes Problem, nur einen großen Problemkomplex. So dass man die Einzelnen gar nicht mehr sieht, sondern die vielen Einzelnen summieren sich nur mehr zu einem großen Problemkomplex.

 

Und wie selten hören wir die andere Geschichte? Die Geschichte, dass viele die zu uns gekommen sind, Not, Terror und Verfolgung entgangen sind und die so dankbar sind, dass sie hier sein können?

 

Und warum freuen wir uns nicht darüber und sind stolz darauf dass wir so vielen Menschen in Not geholfen haben?

 

Warum sind wir nicht stolz und ergriffen darüber, dass wir gezeigt haben, dass die Sorge um den Nächsten in uns schlummert, in unserer Gemeinschaft?

 

Und lassen Sie mich ein Wort sagen über etwas sehr wichtiges: Nämlich über Empathie. Über die Fähigkeit, die Not des andern zu verstehen. Oder auch nur mit seinen Augen zu sehen. Die Dinge mit den Augen des Anderen zu sehen.

 

Im Alltag sind wir dazu doch gut fähig: Wenn ich ins Cafe Haus gehe und das erste Mal mit jemanden an einem Tisch sitze und zu dem sage: „Du bist ein Trottel und stinkst“, dann ist das kein Beginn einer guten Beziehung, wir werden eher keine Bandes des Vertrauens knüpfen. Das wissen wir, instinktiv, da brauchen wir gar nicht darüber nachdenken. Wir wissen, wie das bei ihm ankommen wird, wir können uns in ihn hineinversetzen. Deswegen tun wir das nicht.

 

Aber jenseits des Alltags verlernen wir diese Fähigkeit.

 

Nehmen wir nur das eine Flüchtlingskind, das sich super anstrengt und dann den Fernseher einstellt und im Zusammenhang mit Flüchtlingen ist nur die Rede: Wie halten wir die fern, wie werden wir die wieder los, jeder von denen ist ein Problem.

 

Wie muss das auf dieses Kind wirken, dass es dauernd aus allen Kanälen hört, es gehöre hier nicht her?

 

Dass im Zusammenhang mit ihm immer nur
das Wort "Problem" fällt?

 

Oder auf das Migrantenkind, das hier geboren ist, und das damit aufgewachsen ist, dass es täglich zu spüren bekam, es gehöre hier nicht her?

 

Ich war in einem Gymnasium und habe mit vielen da gesprochen, oft so, dass die Vertrauen gefasst haben. Dann ging es um Heimat und dann sprudelte das alles aus ihnen heraus.

 

Vom ersten Tag im Kindergarten an hab ich gehört ich gehör da nicht dazu.

 

In der Volksschule 2 in Deutsch. Warum? Ein Ausländerkind kann ja keinen 1er bekommen.

 

Da sprudelten die alle raus, die Jahre, ja Jahrzehnte der Kränkung.

 

Und wohlgemerkt: Gymnasium, 7. Klasse. Die die es geschafft haben. Die Erfolgsgeschichten. Die trotz dieser Demütigungen und Kränkungen das geschafft haben.

 

Und wissen Sie, wie ich gefühlt habe? Ich habe mich schuldig gefühlt. Dabei hab nicht ich denen die Kränkung zugefügt. Aber ich habe sie - weil ich ein Bürger dieses Landes bin, und damit für mehr verantwortlich bin als für meine eigenen Handlungen - auf irgendeine Weise zugelassen.

 

Zumindest habe ich mich so gefühlt.

 

Und natürlich, denen ist nichts Schlimmes passiert. Vielleicht eine kleine Beschimpfung da, ein unbedachtes Wort dort. Jeden Tag eine kleine Kränkung, keine große Kränkung.

 

Aber trifft nicht auch dafür zu:

 

Die Fremdlinge nicht bedrücken, sondern deines Nächsten, deines Bruders Hüter sein.

 

Oder: Was ihr getan dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan.

 

Und natürlich auch: Was ihr dem geringsten meiner Brüder antut, das tut ihr mir an.

 

 

Wie sprach der Prophet Jesaja?

 

Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!

 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Worüber ich heute gesprochen habe ist weniger, ob wir unser Steuersystem auf diese oder jene Weise, die Mindestsicherung auf diese oder jene Weise organisieren sollen, das Asylrecht und die Frage, wer hier her kommen soll, so oder anders organisieren soll. Das sind knifflige Fragen, und oft gibt es durchaus gut begründbare Antworten, die aber zu unterschiedlichen Lösungen führen können. Aber ich sprach über etwas Grundlegenderes. Über etwas Wichtigeres als über Regierungsbildungen, Regierungsprogram­me und Wahlkämpfe.

 

Nämlich darüber, wie wir unsere Welt sehen sollen. Wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen. Und welche Haltungen wir einnehmen sollen und für welche wir uns stark machen sollen.

 

Ich sprach, wenn sie so wollen, über Hoffnung. Hoffnung statt Angst. Die Hoffnung von Martin Luther King, dass seine Kinder einmal nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden. Über die Hoffnung von Rebellen und Sozialreformern des 19. Jahrhunderts, die daran geglaubt haben, dass man Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, aber auch Sozialversicherung, ein gutes Krankensystem für alle, ordentliche Wohnungen und ein Rentensystem für die Alten schaffen kann - was damals völlig utopisch erschien. Auch über die Hoffnung eines jungen Mannes, sich einmal etwas zu schaffen. Über die Hoffnung des jungen Mädchens, dem man viele Steine in den Weg legt, ein spannendes Leben zu leben. Über die Hoffnung des Kindes aus einer armen Familie, irgendwann einmal ein Leben ohne Geldsorgen zu führen. Über die Hoffnung der jungen Frau, sich irgendwann selbst nachts um drei in einer dunklen Gasse sicher zu fühlen. Über die Hoffnung des Jungen aus der Flüchtlingsfamilie, irgendwann einmal anerkannt und respektiert zu werden und nicht schief angeschaut, irgendwann einmal nicht mehr zu hören: du gehörst nicht hier her. Die Hoffnung des jungen Paares, das gerade eine Familie gründet, obwohl beide keinen so gut bezahlten Job haben, dass irgendwann die Unsicherheit der Sicherheit weichen wird. Aber ich sprach vielleicht auch nicht über diese vielen einzelnen Hoffnungen einzelner Leute, sondern über die Summe an Hoffnungen, dass sich diese Hoffnungen, wenn sie Realität werden, summieren, zu einer Zukunft die besser ist als das Heute.

 

Und diese Zukunft beginnt im Kleinen, und sie beginnt immer dann, wenn Menschen solidarisch handeln.

 

Wer seinem Kind lernt: Dem, der am Schulhof einen Schwächeren mobbt, dem tritt man entgegen.

 

Der legt die Saat zu einer besseren Zukunft.